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Der Arzt von Stalingrad

Erstes Buch

PAGE 6

»Ich glaube, Sie können weitermachen, Herr Stabsarzt«, meldete ich.

»Dräns!« befahl Böhler, und Pelz brachte einen Topf, auf dessen Grund einige dünne Schläuche aus Kunststoff lagen. Es waren ursprünglich Kabelisolierungen gewesen, die der findige Böhler sich zum Dränieren bei Operationen >organisiert< hatte. Er war damit beschäftigt, zwei der Schläuche in die Wunde einzunähen, als die Tür zum Raum stürmisch aufgerissen wurde und die Kasalinsskaja hereintrat. Sie hielt ein Paket in der Hand, reichte es mir hin und rief: »Da habt Ihr, gutt für Peritonitis!«, worauf sie sich umdrehte und wieder hinausging. An der Tür wandte sie sich noch einmal zurück und rief: » Verdient habt Ihr es nicht!«

Ich hatte gerade wieder die Maske aufgesetzt und für den Verschluß der Wunde wieder Narkose gegeben. Verblüfft nahm ich die Tropfflasche zurück und starrte auf das Päckchen, das ich in der linken Hand hielt. >Penicillin< stand darauf und eine englische Gebrauchsanweisung. Es handelte sich offenbar um ein amerikanisches Präparat.

»Was ist denn los?« herrschte mich Böhler ungeduldig an, »machen Sie schon mit der Narkose weiter.«

»Es ist Penicillin‑Pulver«, antwortete ich, » offenbar geeignet zur lokalen Behandlung der Bauchfellentzündung bei Operationen.«

»Ach ‑ das sagenhafte Penicillin«, meinte Böhler. »Pelz, öffnen Sie das Päckchen, schaden können wir ja damit wohl nicht.«

Er ließ Sellnow reichlich Penicillin‑Puder in die Wunde streuen und nähte dann mit der Hausfrauennadel und den seidenen Fäden aus dem Schal des Küchenmädchens Bauchfell und Muskulatur zusammen. Die aus der Wunde herausragenden beiden Dräns sicherte er über der Haut mit Sicherheitsnadeln.

Eine knappe Stunde hatte die Operation gedauert. Das Schicksal des Kranken lag jetzt in Gottes Hand. Pelz und zwei Leichtkranke trugen ihn hinaus in ein kleines Zimmer am Ende des Ganges, in dem die Schwerkranken lagen.

Fünf Männer: Ein Fünfundvierzigjähriger mit einer Gelbsucht. Wir zitterten ständig, dass er alle anderen anstecken würde, aber es gab keine Möglichkeit, ihn zu isolieren.

Ein Dreiundvierzigjähriger mit einem schweren Herzleiden und Wasser in den Beinen und im Bauch. Er war Vater von vier Kindern. Ein Verletzter, dem ein Baumstamm beide Hände abgequetscht hatte und der jetzt, nachdem wir Besitzer eines Taschenmessers waren, operiert werden konnte. Ein schwerer Fall von Hungerödem, der uns sehr zu schaffen machte. Ein Mann mit Starrkrampf, der im Sterben lag. Der Arme war sechsunddreißig Jahre alt, jung verheiratet. In der Gefangenschaft hatte er erfahren, dass seine Frau an der Geburt ihres ersten Kindes gestorben war. Damals rannte er gegen den Stacheldrahtzaun, um sich von den russischen Posten erschießen zu lassen. Aber der Posten war an diesem Tag guter Laune und bewarf ihn mit faulem Obst. Der Lebensmüde suchte sich dann auf der Baustelle einen rostigen Nagel und stieß ihn sich in den Oberschenkel. Er lief mehrere Tage mit dem Nagel im Fleisch herum, bis sich die ersten Anzeichen des Starrkrampfes einstellten. Als er zu uns ins Lazarett kam, konnten wir nichts mehr für ihn tun, als ihn mit Opium‑Pillen und Veronal füttern, den einzigen Medikamenten, über die wir aus Wehrmachtsbeständen in größeren Mengen verfügten. Neben den Sterbenden legten wir nun Nummer 4583, den jungen Oberfähnrich Graf Burgfeld. Vor meinem Zimmer verabschiedete ich mich von dem Oberarzt.

» Bis nachher«, sagte er. »Und kochen Sie weiter unser Taschenmesser gut aus.«

Ich nickte. Müdigkeit überfiel mich plötzlich . Ich spürte, wie die Anspannung der vergangenen Stunde sich in meinem Körper in eine grenzenlose Schlaffheit auflöste. Ich schwankte zu meinem Bett und fiel auf den Strohsack. Dann fühlte ich, wie mein Blick starr wurde, ungläubig fassungslos: Auf dem Tisch lag ein Skalpell. Ein richtiges Skalpell. Es glänzte in der Sonne, die durch das Fenster flutete. Und neben dem Skalpell drei Nadeln, Catgut, eine Schere, ein kleiner Wundspreizer, sechs Wundhaken.

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drains
thin plastic tubes
cable insulations
resourceful
dashing
You don't deserve it.
for the closure of the wound
package
directions for use
compound; medication; drug;
What's wrong?
Böhler barked at me impatiently
apparently suitable for the local treatment of peritonitis during operations
legendary
it won't hurt
plentiful; copious;
to spread
threads
peritoneum and muscles
protruding
secured
safety pins
The operation lasted about an hour.
seriously ill
jaundice
still feared that
he would infect all the others, but there was no way to isolate him
heart disease and fluid in the legs and abdomen
wounded
the trunk of a tree had crushed both hands
owned a penknife
serious case of hunger edema
bothered us
tetanus
was dying
barbed wire
to let himself shot by Russian guard
on that day was in good mood
threw at him rotten fruit
suicidal man
construction site
thigh
walked around (lief ... herum)
signs
feed
Wehrmacht stocks
possessed large quantities
senior midshipman
I said goodbye to the senior physician.
See you later.
boil out (kochen ... aus), sterilize
Suddenly, I felt very tired.
The tension of the past hour dissolved in my body in a boundless inertness.
incredibly shocked
flooded
a pair of scissors, a small retractor, and six surgical spreaders
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